Hormonersatztherapie

Bei Frauen in der Menopause ist eine Hormonersatztherapie (engl. hormone replacement therapy, HRT) zur Linderung der häufig auftretenden und belastenden Hitzewallungen sehr wirksam, und es gibt etliche Anhaltspunkte dafür, dass sie auch vorbeugend gegen Osteoporose (Knochenschwund) wirkt. Nach und nach wurden der HRT immer mehr positive Effekte zugeschrieben, u. a. auch die Verhütung von Herzinfarkten und Schlaganfällen, sodass Millionen von Frauen auf ärztlichen Rat hin die HRT wegen dieser und weiterer angeblicher Vorteile längerfristig anzuwenden begannen. Die Grundlage für diese Behauptungen war allerdings mehr als schwach.

Sehen wir uns nur einmal die Herzinfarkte an. Mehr als 20 Jahre lang hat man Frauen erzählt, dass die HRT ihr Risiko für diese schwere Krankheit reduziert – tatsächlich beruhte diese Aussage auf den Ergebnissen verzerrter (unfairer) Studien (s. Kap. 1 und Kap. 6). 1997 wurde dann eine Warnung herausgegeben, dass diese Aussage falsch sein könnte: Forscher aus Finnland und Großbritannien hatten die Ergebnisse gut durchgeführter Studien systematisch ausgewertet [8] und dabei festgestellt, dass die HRT, anstatt das Auftreten von Herzkrankheiten zu reduzieren, diese tatsächlich sogar  begünstigen könne. Einige prominente Kommentatoren verwarfen diese Schlussfolgerung zwar, aber dieses vorläufige Ergebnis wurde mittlerweile durch zwei große, gut durchgeführte Studien bestätigt. Hätte man die Wirkungen der HRT bei ihrer Einführung bereits richtig bewertet, wären die betroffenen Frauen nicht falsch informiert worden, und viele von ihnen wären nicht vorzeitig verstorben. Zu allem Übel kommt noch hinzu, dass wir heutzutage wissen, dass die HRT das Risiko für Schlaganfall und die Entwicklung von Brustkrebs erhöht. [9]

Kein Wunder, dass sie verwirrt war
Im Januar 2004 schrieb eine Hysterektomie-Patientin an die britische medizinische Fachzeitschrift The Lancet folgenden Brief:

«1986 wurde bei mir wegen Gebärmutterfibromen eine Hysterektomie durchgeführt. Außer der Gebärmutter entfernte der Operateur dabei auch die Eierstöcke und stellte zudem fest, dass ich unter Endometriose litt. Weil ich damals erst 45 Jahre alt war und die sofortige Menopause eingesetzt hätte, erhielt ich eine Hormonersatztherapie (HRT). Im ersten Jahr nahm ich konjugierte Östrogene (Premarin) ein; zwischen 1988 und 2001 bekam ich als Privatpatientin dann aber von dem Chirurgen, der mich operiert hatte, alle sechs Monate Östrogenimplantate. Ich war bezüglich der Behandlung immer etwas unsicher, weil ich zum einen das Gefühl hatte, keine Kontrolle mehr zu haben, wenn das Implantat erst einmal eingesetzt war, und zum anderen, weil ich nach mehreren Jahren dann oft auch Kopfschmerzen bekam. Abgesehen davon fühlte ich mich aber sehr fit.

Mein Operateur versicherte mir, dass die HRT viele Vorteile hätte und mir gut täte, was ich nur bestätigen konnte. Mit der Zeit war von immer mehr Vorteilen der HRT zu lesen. Anders als in den Anfangsjahren galt die HRT inzwischen auch nicht mehr nur als Modetherapie. Jetzt war sie auch gut für das Herz, gegen Osteoporose, und teilweise sollte sie auch Schlaganfällen vorbeugen. Immer wenn ich meinen Operateur aufsuchte, schien er noch mehr Belege für die Vorteile der HRT parat zu haben.

Als er 2001 dann in den Ruhestand ging, wendete ich mich an meinen Arzt beim National Health Service. Was für ein Schock! Von ihm erfuhr ich genau das Gegenteil: dass es gut wäre, von der HRT abzukommen: Sie könne das Risiko für Herzkrankheiten, Schlaganfälle und Brustkrebs erhöhen und auch Kopfschmerzen auslösen. Ich erhielt dann noch ein weiteres Implantat und stellte für kurze Zeit dann wieder auf Premarin um, aber seitdem habe ich acht Monate lang keine HRT mehr gehabt. Mein Arzt meinte, es sei meine Entscheidung, ob ich die Therapie beibehalten wolle oder nicht. Ich war so was von verwirrt …

Ich kann nicht verstehen, wie die HRT und all ihre wundervollen Vorzüge sich in so kurzer Zeit in ihr Gegenteil verkehren können. Wie kann ein Laie wie ich da noch die richtige Entscheidung treffen? Ich habe viele Stunden damit zugebracht, darüber zu reden und nachzudenken, ob ich besser bei der HRT geblieben wäre, obwohl ich seitdem kaum negative Wirkungen verspürt habe. Ich bin wegen dieser ganzen Sache sehr irritiert und bin mir sicher, dass es anderen Frauen ähnlich ergeht.»

Huntingford CA. Confusion over benefits of hormone replacement therapy. Lancet 2004; 363: 332.

Insgesamt ist die HRT nach wie vor eine wertvolle Therapie für Frauen mit menopausaler Symptomatik. [10] Tragisch ist allerdings, dass sie vor allem als Möglichkeit zur Verringerung des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos so stark beworben wurde. Das Risiko für diese schweren Krankheiten mag zwar nur geringfügig erhöht sein, es betrifft aber, da die HRT so häufig verschrieben wurde, insgesamt doch eine sehr große Anzahl von Frauen.

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